Kardinal Lavigerie, ein Leben für Afrika

Lavigerie im Ordenskleid der Weissen Väter

Jugend und Studium.
Auf dem Landgut Huire bei Bayonne/Frankreich erblickte Charles Martial Allemand-Lavigerie am 31.10.1825 das Licht der Welt. Er wurde in eine liberale Familie hineingeboren, die in den gehobenen Kreisen Bayonnes verkehrte. Sein Vater, ein höherer Zollbeamter, hatte für seinen Sohn eine juristische oder militärische Karriere im Auge. Doch sollte es anders kommen. Der Junge mit dem ungestümen Charakter wird von elterlicher Seite wenig religiös geformt. Es sind die Hausmädchen, die im Haus Lavigerie angestellt sind, die dem kleinen Charles Geschichten aus der "Heiligen Schrift" erzählen und in ihm sehr früh ein religiöses Interesse wecken. Auf eigenen Wunsch darf der hochbegabte Junge am kleinen Seminar der Diözese Bayonne studieren. Für die höheren Studien besucht er das berühmte Seminar von Saint-Sulpice in Paris und hört noch nebenbei Vorlesungen in Literatur. Bereits mit 23 Jahren wird der hochtalentierte Lavigerie zum Priester geweiht. Er schließt seine Studien mit Doktorgraden in beiden Rechten, sowie in Theologie und Literatur ab. Bereits mit 28 Jahren lehrt er Kirchengeschichte an der Sorbonne und gibt Vorlesungen über lateinische Literatur an der "Ecole des Carmes".
Ein Schlüsselerlebnis aus seiner Zeit in Saint Sulpice sollte seinen späteren Lebensweg prägen. Damals traf er den Apostolischen Vikar der Mandschurei, der einen faszinierenden Vortrag über die schwierige Missionsarbeit in der Mandschurei hielt. Lavigerie war beeindruckt. Das Gehörte sollte in seinem späteren Leben eine wichtige Rolle spielen.

Erfahrungen im Nahen Osten.
Dem missionsinteressierten Lavigerie wird kirchlicherseits die Leitung "des Werkes der Schulen im Orient" angetragen, die er ohne Zögern annimmt. Doch schon nach kurzer Zeit wird der junge Priester und Professor in den Strudel der damaligen Weltpolitik hineingezogen. Als im Jahr 1860 die Kunde von einer Christenverfolgung im Libanon nach Paris dringt, mit furchtbaren Gräuelgeschichten, entschließt sich Lavigerie, in den "Vorderen Orient" zu reisen, um den bedrängten Christen beizustehen.Was er im Libanon und Syrien vorfindet, übertrifft die Berichte, von denen er in den Pariser Zeitungen gelesen hatte. Über 200.000 Christen sind von Drusen niedergemetzelt worden, Tausende von Häusern niedergebrannt, Kirchen und Klöster geplündert. Über 300.000 Obdachlose irren ziellos im Libanon umher. Lavigerie lässt Lebensmittel verteilen und Waisenkinder in Heimen unterbringen. Er trifft sich ohne Furcht mit Emir Abd-el-Kader in Damaskus, den Frankreich aus Algerien verbannt hatte. Lavigerie dankt Abd-el-Kader für seine Menschenliebe. Der Emir hatte in seinem Anwesen über 1000 Christen Schutz und Hilfe gewährt. Die Erfahrungen mit den Menschen im Orient und mit dem Islam sollten auf die spätere Arbeit Lavigeries nachhaltigen Einfluss haben. Um eine Wiederholung ähnlicher Gräueltaten vorzubeugen, schlägt er der französischen Regierung die Besetzung Syriens vor, was dann viel später (1920) auch geschehen ist.

An der Rota in Rom und Bischof in Frankreich.
Nach seiner Rückkehr wird er von Papst Pius IX. an die "Rota Romana", das päpstliche Gericht berufen. Jetzt begann für ihn die Zeit, Fäden zu knüpfen, die ihm später in Afrika nützlich sein sollten. Aufgrund seiner Erfahrungen wird er zum offiziellen Berater der "Kongregation für orientalische Riten" ernannt. - Doch in Rom fühlt sich Lavigerie nicht zu Hause. Das sterile Leben im Vatikan ist für ihn keine Lebensperspektive. So erklärt er eines Tages dem Papst: "Ich fühle mich weder zum Diplomaten, noch zum Richter, sondern nur zum Priester geboren." Sein Wunsch wird vom Papst respektiert. - Man bietet ihm den wichtigen Bischofssitz von Nancy an, den er auch annimmt. Als Wahlspruch wählt sich Lavigerie das Wort "Caritas", das zu seinem Lebensinhalt werden soll. Als bischöfliches Wappen wünschte er sich das Bild des Pelikans, der sich für seine Jungen verzehrt. Wahlspruch und Wappen drücken seine innersten Überzeugungen aus, die später in Afrika zur vollen Verwirklichung reifen sollen.

Entscheidung für Afrika: Erzbischof von Algier
Als er einmal zu einem Besuch in Tours weilt, gibt ihm ein eigenartiger Traum viel zu denken. Lavigerie sieht sich umgeben von Menschen schwarzer und brauner Hautfarbe. Sie sprechen eine unverständliche Sprache und wenden sich bittend an ihn. - Kaum zurück in Nancy, erhält er von Gouverneur MacMahon aus Algier einen interessanten Brief. Darin bittet ihn der Gouverneur, die Erzdiözese Algier zu übernehmen. Lavigerie braucht nur einen Tag, um sich zu entscheiden. Fünf Monate später landet er in Algier, um eine der schwierigsten Diözesen der Welt zu übernehmen. In einem Schreiben geht er auf seine Zukunftspläne ein. Er will „das wahre Licht einer Kultur ausbreiten, deren Quelle und Herz das Evangelium ist. Das Licht soll über die Wüste hinweg in das Innere des Kontinents getragen werden.“ Es dauert nicht lange, da brechen in Algerien eine Hungersnot und eine Cholera-Epidemie aus. Über 100.000 Tote werden gezählt. Tausende Waisenkinder, um die sich niemand kümmert, irren durchs Land. Lavigerie sieht sich gefordert. Er gründet Waisenhäuser und sammelt Gelder in Frankreich. Der Groß-Mufti von Algier preist in der Haupt-Moschee den Erzbischof für seinen selbstlosen Einsatz. Doch antiklerikale Kreise in Frankreich beschuldigen Lavigerie der Proselytenmacherei. Die Priester und Schwestern, die die Waisenkinder erziehen, sind den Antiklerikalen ein Dorn im Auge. Lavigerie muss sich und seine Mitarbeiter verteidigen. Zur religiösen Erziehung der Waisen erklärte er einmal: "Ich will, daß sie in jeder Hinsicht die volle Freiheit behalten. Wenn sie im Alter die Entscheidung vorziehen, Mohammedaner zu werden, so werde ich ihnen deshalb nicht minder meine väterliche Liebe schenken." Das sind nicht Worte eines religiösen Fanatikers, sondern eines Menschen, der bereit ist, die Überzeugungen der Muslime zu respektieren. Nur unter großen Mühen gelingt es Lavigerie, dem Kaiser ein Dokument abzuringen, das ihm erlaubt, die Waisenkinder zu erziehen.

Gründung der Missionsgesellschaft der Afrikamissionare - Weisse Väter.
Bei seinem unermüdlichen Einsatz für die Armen, Kranken, und Waisenkinder stellt er sehr schnell fest, dass das kirchliche Personal in Algerien nicht ausreicht, um die sozialen Probleme des Landes zu lösen. So reift in ihm der Gedanke, Missionsgesellschaften zu gründen, um den Personalmangel der Kirchen zu beheben. Nach mehreren Ansätzen schafft es Lavigerie am 19. Oktober 1868, die Gesellschaft der Afrikamissionare (Weisse Väter) ins Leben zu rufen. Ein Jahr darauf folgt die Gründung der Weissen Schwestern, deren erste Kandidaten aus der Bretagne stammen. Ziel ihrer Arbeit soll die Krankenpflege und der Dienst in den Schulen sein. Die ersten Schwestern kamen jedoch sehr bald zur Erkenntnis, dass vor allem das Niveau der afrikanischen Frau gehoben werden muss, wofür sich die Weissen Schwestern im Lauf der Jahre immer stärker einsetzen.

Arbeit mit den Muslimen.
An die Kandidaten seiner Missionsgesellschaft schrieb Lavigerie: „Ich brauche Männer, Männer, Männer, die von apostolischem Geist beseelt sind, mit Mut, Glauben und Selbstverleugnung ausgestattet. Allerdings kann ich ihnen nichts versprechen als Armut, Leiden und Schwierigkeiten jeder Art, die nun einmal mit dem Vordringen in unbekannte Länder verbunden sind.“ Sehr früh gelingt es den Weissen Vätern und Weissen Schwestern, Niederlassungen unter den Kabylen zu gründen, die Christen gegenüber weniger Vorbehalte hatten, als die arabischen Stadtbewohner. Die Arbeit der Schwestern und der Patres in der Krankenpflege, den Schulen und Waisenhäusern wird von den Kabylen anerkannt und geschätzt. Um den Argwohn der französischen Behörden abzubauen, verbietet der Erzbischof zu taufen. Er tut dies mit dem guten Gespür, die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Nur wer sich in völliger Freiwilligkeit entscheidet, Christ zu werden, darf nach einer vierjährigen Probezeit zur Taufe zugelassen werden.

Missionare ins Innere Afrikas.
Lavigerie will seine Arbeit nicht auf Algerien begrenzen. Ihn drängt die Weite des riesigen Kontinents und die furchtbaren Lebensumstände der Afrikaner in Innerafrika. Neben der Wiederbelebung des antiken afrikanischen Christentums in Nordafrika, fasst er die Ausbreitung des Christentums in ganz Afrika ins Auge. Zwei Karawanen quer durch die Sahara (1876 und 1881) sollen das sagenhafte Timbuktu erreichen. Doch beide Karawanen werden in der Wüste überfallen und die Missionare ermordet. Trotz dieser furchtbaren Enttäuschungen gibt Lavigerie nicht auf. Bereits 1878 schickt er eine Gruppe von Missionaren an die großen Seen Zentralafrikas. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es diesen, in Uganda, Tansania und Kongo Fuß zu fassen. Vor allem in Uganda melden sich in den Anfangsjahren viele junge Menschen zur Taufe an. Die „Märtyrer von Uganda“ aus jenen Jahren zeugen von der grundlegenden Arbeit, die von den Missionaren in der Anfangszeit der Christianisierung geleistet wird. Im selben Jahr nimmt Lavigerie das Angebot der französischen Regierung an, St. Anna in Jerusalem zu betreuen. Diese erste Niederlassung im Orient wird später wegweisend sein im Dialog mit den orientalischen Kirchen und vor allem mit dem Islam. - Im Jahr 1882 wird Erzbischof Lavigerie für seine großen Verdienste vom Papst zum Kardinal ernannt. Zwei Jahre später erhält er den wieder errichteten Sitz von Karthago (Tunesien). Zu gleicher Zeit gesteht ihm Rom den Titel „Primas von Afrika“ zu. Jetzt hat Lavigerie alles erreicht, was er erreichen konnte. - In Übereinstimmung mit dem Hl. Stuhl stellt sich der Kardinal an die Spitze einer Anti-Sklaverei-Bewegung, die die europäischen Mächte dazu führen soll, die Sklaverei in Afrika endgültig auszurotten. Lavigerie besucht die damaligen Zentren Europas, hält Reden und Predigten, schreibt Zeitungsartikel und verhandelt mit den politisch Mächtigen seiner Zeit. Es ist seinem Einsatz zu verdanken, dass um die Jahrhundertwende die offizielle Sklaverei in Afrika endgültig besiegt wird.

Der Toast von Algier.
Am 12. November 1890 sprach Lavigerie in Algier seinen berühmten "Toast" aus, der die Katholiken einlud, sich mit der Republik auszusöhnen, was ihm von royalistischen Kreisen übel genommen wurde. Doch Lavigerie war Pragmatiker und Realist. Er wußte, dass das Rad der Zeit nicht zurückgedreht werden kann. Mit dem "Toast von Algier" akzeptierte er die politischen Konstellationen seiner Zeit, auch wenn diese ihn in seiner Arbeit für Afrika behinderten.

Nach einem arbeitsamen und hektischen Leben ereilt den Kardinal am 26. November 1892 in Algier der Tod. Drei Jahre nach seinem Tod erfüllte sich ein alter Traum Lavigeries. Es gelingt einer Karawane seiner Missionare, ins Innere Westafrikas vorzudringen und auf dem Territorium des heutigen Mali Niederlassungen zu gründen.

Was war das Geheimnis des Erfolgs Lavigeries?
Er gab seinen Missionsgesellschaften einen festen Rahmen, indem er das Gebetsleben, den Gemeinschaftsgeist, einen einfachen Lebensstil und die Internationalität betonte. Er pochte auf das Zusammenleben von drei Missionare auf einen Posten. Keiner sollte durch Einsamkeit und Entbehrungen entmutigt werden. Er forderte eine starke Anpassung an einheimische Sitten und Gebräuche. Aus diesem Grund gab er seinen Missionaren die "Gandourah", das normale Tagesgewand der Algerier, als Ordensgewand. Nur ein Rosenkranz sollte sie von den Einheimischen unterscheiden. Den Katechumenen (Täuflingen) schrieb er eine vierjährige Vorbereitungszeit vor. Nach seinem Willen sollten die zukünftigen Christen Überzeugungschristen sein. - Er vertrat vor mehr als 100 Jahren bereits die Ansicht, daß Afrika durch die Afrikaner bekehrt werden muß. Auch diese Vision Lavigeries ist inzwischen durch die Entstehung blühender einheimischer Kirchen zur Wirklichkeit geworden. Sein Leben und Werk zu beurteilen, wird in Zukunft allerdings die Aufgabe der Afrikaner selbst sein.
P. Gerhard Knühl